Glück und Moral gehören zusammen

Auf der Suche nach der Balance zwischen Moral und Glück entdecke ich Überraschendes: Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, entdeckten in den letzten Jahrzehnten auf Ihre Weise, dass beides Seiten derselben Medaillie sind. In diesem Beitrag beschreibe ich einige Stationen meiner Entdeckungsreise. Es begann in der deutschen Hauptstadt …

„Du bist zu gutgläubig“, stichelte mein Berliner Freund Andreas. Der Abend war schon fortgeschritten, doch es war eines dieser herrlichen Gespräche, bei Wein und Dunkelheit, die so inspirierend sind, dass sich lange keine Müdigkeit einstellt. Ich hatte gerade erfolglos versucht spieletheoretisch zu begründen, dass es sich lohne an Gott zu glauben, wenn man nur annehme dass seine Existenz möglich sei. (Macht Wein klug oder fühlt man sich nur klüger; naja, egal solange der andere ihn auch trinkt) . Nun setzte er zum Konter an. Ein Mensch handele nie selbstlos nur um anderen etwas Gutes zu tun. Stets schiele er auf die eigene Belohnung – das gute Gefühl, die himlische Belohnung. Das spiele doch keine Rolle, verteidigte ich mich — nenne es eben Egoismus, für meine Mitmenschen sei es jedenfalls nicht das gleiche ob ich nur an mich dächte oder mich um andere kümmere.

Ob ich mit diesem Kompromiss Gehör fand weiß ich nicht mehr, doch die Frage ist mir seit dem immer mal wieder durch den Kopf gegangen. Andreas‘ Meinung, so radikal sie mir damals vorkam, ist ja mittlerweile Mainstream: jeder denkt nur an sich — und seid Adam Smith ist damit hoffentlich an alle gedacht. Biologen, Volkswirte, Psychologen: alle scheinen sich einig zu sein. Doch lässt sich mit dieser Ansicht wirklich Staat machen? J. F. Kennedy’s Meinung zu diesem Thema ist in die Geschichtsbücher eingegangen: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst.“ Das bringt doch etwas zum klingen. Steckt nicht von jedem von uns der Wunsch, zu etwas Größerem beizutragen als nur der eigene Bausparvertrag?

Für Immenuel Kant schlossen Altruismus und Egoismus sich aus. Wirklich moralisch gut sei eine Handlung erst dann, wenn sie dem Täter keine eigene Freude bringe, sondern in Verleugnung der eigenen Lust geschehe. Das ist ein hoher Anspruch. Vielleicht zu hoch und dann hätte Andreas doch recht und die kopernikanische Wende wäre doch noch nicht bei uns angekommen: noch immer kreisten wir nur um uns selbst.

Aber was, wenn Kant irrte? Genau davon bin ich überzeugt, nachdem ich in den letzten Monaten wie zufällig bei Autoren wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten darauf stieß, dass selbstloses und eigennütziges Handeln untrennbar miteinander verbunden sind. Im Folgenden ein kleiner Streifzug durch die Disziplinen.

Neurobiologie

Egoismus wird heute gerne wie so vieles aus der Evolution heraus begründet. Im Überlebenskampf der Natur hätten eben nur überlebt, wer sich am besten eigene Vorteile verschaffen konnten. Für Menschen, die hier nicht weiterdenken, bleibt Altruismus ein großes Rätsel. Hier räumt der Mediziner und Therapeut Joachim Bauer in Prinzip Menschlichkeit mit Ungenauigkeiten der klassischen Evolutionslehre auf. Kampf und Konkurrenz seien menschliche Begriffe aus dem Wirtschaftsleben und nicht primäre Triebfeder menschlichen Handelns:

„Wir sind – aus neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooporation angelegte Wesen. Kern aller menschlicher Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben.“

Damit widerspricht er auch Richard Dawkins und anderen übereifrigen Vertretern der Soziobiologie für die es in maßloser Überschätzung Ihrer Deutungshoheit nur Kampf, Eigenliebe und weder freien Willen noch Identität gibt.

Psychologie

Was diese Erkenntnis ganz praktisch heißt, beschrieb Victor Frankl schon vor einigen Jahrzehnten:

„was der Mensch wirklich will ist letzten Endes nicht das Glücklichsein, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück, stellt sich die Lust von selber ein … und auf Grund eben dieses seines Willens zum Sinn ist der Mensch darauf aus, Sinn zu finden und zu erfüllen, aber auch anderem menschlichen Sein in Form eines Du zu begegnen, es zu lieben. Beides, Erfüllung und Begegnung, gibt dem Menschen einen Grund zum Glück und zur Lust Beim Neurotiker wird dieses primäre Streben gleichsam abgebogen in ein direktes Streben nach dem Glück.“

Einfacher als der Text ist das Bild: der direkte Weg zum Glück ist verbaut, weil der Mensch sich nicht selber täuschen kann: Zum Erfolg führt der indirekte Weg.

Theologie

Der Neutestamentler Klaus Berger beschreibt diesen Weg mit seinen Worten:

„In der Direktmethode der Selbstverwirklichung liebt der Mensch nur sich selbst, kreist er verzweifelt, seine Kräfte erschöpfend um sich selbst. Das ist deshalb aussichtslos, weil wir auf diesem Weg gerade nicht frei werden, weil wir uns so nur immer weiter verkrampfen. Und das wahre Glück bestände doch im Gelassen-Sein, im Lassen-Können … Freilich hat die isolierte Selbstlosigkeit auch das Christentum und die Moral nachhaltig verdorben, besonders wenn all dieses von irdischen Machthabern, geistlichen oder weltlichen, für die eigene Herrschaft und zu deren Zementierung ausgenutzt wurde. Hingabe ist gerade kein Selbstzweck … Es fehlt dann etwas, das für Jesus, aber auch für Paulus und Johannes untrennbar mit aller Hingabe verbunden ist: die Freude … Zu wissen, dass man glücklich macht, dass ist das Glück. Und daher ist die Freude der einzige und der eigentliche Sinn jeden menschlichen Projekts, jeder einzelnen Lebensgeschichte.“

Über die Bedeutung der Freude hat der der Theologe John Piper ein ganzes Buch geschrieben. Erst die Freude macht das gute Werk vollkommenen. Was wäre etwa der Blumenstrauß an die Geliebte wert, würde er mürrisch und wiederwillig übergeben. Gutes tun kann, ja muss!, also Spaß machen. Hier steht Kant Kopf und das hat Konsequenzen für die christliche Lebenspraxis. „Einen freudigen Geber hat Gott liebt“ gilt damit nicht nur für den Klingelbeutel, sondern für das ganze Leben. Griesgrämige Moralisten sind out — und das seid 2000 Jahren.

Soziobiologie

Schließen wir noch einmal mit der Biologie: In DRIVEN wagen zwei Professoren aus Harvard eine Synthese von Evolutionsbiologe, Psychologie und Neurologie. Ebenso belesen wie vollmundig stellen sie die These auf, dass Menschen von vier Trieben („Drives“) angetrieben sind: Besitzen, Zwischenmenschliche Beziehung, Lernen, Verteidigung. Das Buch ist mit Vorsicht zu genießen, denn

  • die Autoren preisen den naturwissenschaftlichen Fortschritt nahezu als Pfad zu vollkommener Gewissheit und ewigem Glück. Eine Einstellung hinter die nach der Bilanz das 20 Jahrhunderts geradezu polemisch wirkt.
  • ihre Argumentation ist bisweilen „kreativ“: eine Tatbestand (z.B. die Unabhängigkeit der Triebe) existiert schon alleine deshalb, weil seine Existenz einen Vorteil in der Evolution darstelle.

Trotzdem ist DRIVEN lesenswert, weil es verschiedene Facetten unserer Motivation plausibel und differenziert ausleuchtet und so dem Homo Economicus, der zu lange durch die Wirtschaftsmodelle geisterte, als naive Annahme entlarvt. Spannend Nuance: jeder Trieb ist echt („unabhängig“). Menschen suchen also z.B. Beziehungen nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern es ist ein primäres Ziel. Dass der fürsorgende, kooperative Mensch auch überlebenstauglicher ist, ist Ergebnis aber nicht Motiv. Sogar dem freien Willen gestehen die Autoren — ganz entgegen dem Credo ihrer Zunft — noch einen Platz zu:

Human genes do not determine behavior, far from it. On the contrary; they actually require the exercise of free will.

So endet die kleine Gedankenreise mit einem Happy End, denn Andreas und ich dürfen Recht behalten — ganz im Gegensatz zum großen Immanuel Kant, der diesmal das Nachsehen hat.


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Einatmen-Ausatmen

Mit Vorsätzen war ich Anfang diesen Jahres sehr zurückhaltend. Bereits 2008 beschränkt ich mich auf einen einzigen, den ich als „Einatmen-Ausatmen“ bezeichnete. Gemeint ist damit, nicht ständig nur aktiv zu sein („Ausatmen“) sondern auch Zeiten der Besinnung und Kontemplation zu haben („Einatmen“). Diese Angelegenheit gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht, denn nicht ohne Grund wird der Lebensabschnitt um die Dreißig als Rush Hour beschrieben, in dem sich mehr Aktivität zu ballen scheinen als davor oder danach. Doch ich gebe nicht auf und habe gerade einen Auszug aus einem Buch vor mir liegen, den mir ein Freund im letzen Jahr zu diesem Thema hat zukommen hat lassen.

In Von der Freiheit loszulassen. Letting Go. geht der Franziskanerpater Richard Rohr das Thema Kontemplation aus der Perspektive christlicher Meditation an. Nun weiß ich weder etwas über R. Rohr noch habe ich die weiter unten beschriebene Übung bisher ausprobiert. Doch vielleicht hat ja jemand der diesen Text liest, Erfahrungen oder Gedanken zu diesem Thema. Eine Warnung für alle Nicht-Kirchengänger: Achtung, jetzt folgt Fachsprache.

Als in der Bibel das erste Mal vom Heil Gottes für die Menschen die Rede ist, verspricht Gott, dem Volk Israel ein weites, umfassendes Land. Im übertragenen Sinne ist unsere Seele so ein weiter Raum, den Gott uns schenkt. In diesem Sinne retten wir unsere Seele nicht, wenn wir zu Gott kommen, sondern wir entdecken sie. Eine andere Art das zu sagen ist, dass wir bereits mit Gott verbunden sind, und das Problem nur darin besteht, dass wir es nicht glauben (ein Gedanke der sich auch bei Rob Bell findet). Aus der Frage des Glaubens machen wir stattdessen eine Frage der Würdigkeit. Wir versuchen dauernd gute Menschen zu sein. Doch unser wirklicher Wert hängt nicht davon ab, was wir tun, sondern wer wir vor Gott sind. In der Kontemplation geht es darum, diese Perspektive auf die Wirklichkeit zu gewinnen.

Die meisten Menschen leben in einem ununterbrochenen Fluss von Ideen, Bildern und Gefühlen. Da wir nie versuchen sie abzulegen, wissen wir gar nicht, wer wir ohne sie sind. Stattdessen klammern wir uns an sie, so dass gar nicht mehr wir eine Idee haben, sondern unsere Ideen haben uns. Stattdessen ist es aber wichtig zu entdecken, wer wir vor Gott schon immer waren, bevor wir irgend etwas richtig oder falsch gemacht haben.

Dazu schlägt R. Rohr die folgende Übung vor: Stelle Dir vor, an einem Fluss zu sitzen, an dem Deine Gedanken in Form von Booten an Dir vorbei schwimmen. Was immer ihr Inhalt ist, halte sie nicht fest, sondern lasse sie vorbei treiben. Freue Dich weder an positiven Gedanken noch ärger Dich über negative. Es ist eine Übung im Loslassen und der Gewaltlosigkeit.

Die Chance dieser geistlichen Übung besteht darin, sein eigenes Selbstbild, sei es positiv oder negativ, einmal abzulegen — ein ganz anderes Ziel als in der Psychologie, in der es darum geht das Selbstbild neu zu arrangieren und aufzuhellen. Kontemplation ist dabei keine bloße Nabelschau, sondern ermöglicht letztlich in Aktion, denn wer loslässt schafft Raum für Christus und kann in seinem Sinne und in größerer Freiheit Neues ergreifen.

Da es viel Energie kostet sich für andere einzusetzen ist ein Ort des Friedens, dem einem keiner nehmen kann, wichtig. Von vielen sozial sehr engagiert Menschen wie etwa Martin Luther King oder Dietrich Bonhoefer ist bekannt, dass sie viel Zeit in Stille und Gebet verbracht haben. Auch Jesus praktizierte nach den Berichten der Bibel ein ständiges Hin und Her zwischen radikaler innerer Zurückgezogenheit und einem radikalen äußeren Lebensstil.

Wichtig ist es am Ball zu bleiben, denn Gott wirkt oft in einem Wachstumsprozess, in dem wir lernen auf ihn zu hören und uns ihm hinzugeben. Die große Wahrheit wird dabei immer jenseits von uns liegen und nicht unsere egoistischen Bedürfnisse unterstützen, sondern ihnen häufig sogar entgegen stehen.

Ich habe bisher keine Erfahrungen in einer solchen geistlichen Übungen, aber ich werde Ihr in der nächsten Zeit mal eine Chance geben, weil ich lernen möchte, nicht durchs Leben zu eilen, sondern dabei auch immer wieder inne zu halten.

Zwei weitere inspirierende Bücher zum Thema Christliche Mystik ist das 300 Jahre alte Leben in Gottes Gegenwart und die theologisch sorgfältige The Divine Conspiracy.


Freunde Gewinnen

2007 habe ich das Geheimnis der amerikanischen Freundlichkeit entdeckt: How to Win Friends and Influence People von Dale Carnegie. Es war bereits 1936 ein sagenhafter Erfolgt und begründete das Ratgeber Genre. Das Buch ist voller großmäuliger Versprechen, platter Beispiele und ständige Wiederholung einer einzigen Aussage: Behandele Deine Mitmenschen respektvoll und freundlich. Es ist gespickt mit Geschichten und konkreten Tipps, in denen es darum geht, echtes Interesse am Anderen zu zeigen, stets zu lächeln, zuzuhören und positives zu sagen anstatt zu kritisieren und zu diskutieren. Ich schaffte es bis zur letzten Seite, weil das Buch die Empfehlung eines Freundes war, aber das ganze wirkte auf mich ziemlich oberflächlich und berechnend.

Dennoch entschloss ich mich, die Sache eine Woche auszuprobieren.Ich begann Kollegen am Telefon mit euphorischer Stimmen nach Ihrem Befinden zu fragen, beantwortete jede E-Mail schnell und freundlich und lächelte Kollegen in Besprechungen voller Anerkennung an. Mir selbst kam mein Verhalten dabei völlig übertrieben vor. Doch da geschah etwas Überraschendes: Es funktionierte tatsächlich. Kollegen freuten sich über meine Wertschätzung und ich ich merkte , dass ich Ihnen etwas Gutes tat. Sie arbeiteten gerne mit mir zusammen, halfen mir wo sie konnten und wir lieferten schnell und unkompliziert gemeinsame Ergebnisse.

Der Erfolg hält bis heute an und noch immer bin ich verblüfft. Viele Ratgeber, etwa der berühmte Steven Covey, machen einen viel durchdachteren Eindruck und überzeugen schon beim Lesen. Aber häufig eben auch nur beim Lesen, und nur Wenig kommt im praktischen Leben an. Carnegie scheiterte zunächst in allem was er selbst tat — als Farmer, Lehrer, Romanautor, Ehemann und Investor — doch was er schreibt funktioniert.

Vor einigen Tagen erhielt ich das Feedback meines Chef, dass er in jeder Hinsicht mehr als zufrieden mit mir sei. Nur eine einzige Sache müsse ich noch Lernen: Ich sei in Konfliktsituationen zu nett und nachsichtig. Ich lächelte Ihn an und versicherte ihm, wie sehr ich seinen Rat schätze.

Die fast schon magische Wirkung der Freundlichkeit ist übrigens sehr unterhaltsam im Kurzfilm Validation beschrieben.


Die Krise der Erfahrung

Jeder Lebensabschnitt hat seine eigenen Herausforderung. Junge Erwachsenen kennen die Euphorie, Eltern und Schule zu verlassen, eine Ausbildung in einer anderen Stadt zu beginnen und Famile zu gründen. Oft wird erst nach solchen Einschnitten bewusst, wieviel sich wirklich geändert hat. Im Bilde eines Spieles gesprochen kommen nicht nur neue Spieler hinzu, sondern es beginnt ein völlig neues Spiel, deren Ziel und Regeln mittem im Eifer des Gefechtes zu erlernen sind.

lebensalterDas Buch Die Lebensalter von Romano Guardini gibt einen Überblick über die Aufgaben der unterschiedlichen Lebensphasen. Es gibt Bücher, die begeistern dadurch, dass sie eine völlig neue Gedankenwelt aufschließen (Jesus von Klaus Berger hat gerade diese Wirkung auf mich). Doch Guardini’s Büchlein berührt mich subtiler, denn hier finde ich eigene Gedanke, die ich bisher nicht in Worte fassen konnte, schwarz auf weiß. Das ist wie die Erleichterung eines Kindes, wenn es erfährt, dass das tobende Etwas „Gewitter“ heißt. Alleine dadurch, dass Dinge einen Namen haben, ist ihnen schon der größte Schrecken genommen. In dem für mich passend zum Lebensabschnitt bewegendsten Teil des Buches beschreibt Guardini den Übergang vom jungen Menschen zum mündigen Menschen durch die Krise der Erfahrung.

Der junge Mensch

Der junge Mensch ist sich seiner vitalen Kräfte und Möglichkeiten bewusst, doch es mangelt ihm noch an Wirklichkeitserfahrung. Die Welt erscheint ihm unendlich offen, die Kraft unbegrenzt und Alles möglich. Es ist die Zeit des natürlichen Idealismus, der die Kraft der Idee überschätzt und Kompromisse ablehnt. Noch fehlt das Wissen um die Zähigkeit des Seins und der Maßstab für das, was der Mensch überhaupt leisten kann. Entscheidungen, die das ganze Leben bestimmen, werden in dieser Zeit vollzogen, in der ein nüchterner Blick auf die Wirklichkeit noch fehlt. Das ist gefährlich, aber zugleich auch Chance, weil der junge Mensch Großes wagt, zu dem er sich später womöglich nie wieder wird entschließen könnte.

Die Aufgabe des jungen Menschen ist es, sich selbst anzunehmen und zu sich zu stehen. Indem er lernt für sich selber zu denken, behauptet er seine Freiheit dagegen wie wie „man“ — laut der Meinung anderer — zu handeln habe. Er erlebt, dass Geschichte insofern menschlich ist, dass sie mit jedem Einzelnen neu beginnt.

Die Krise der Erfahrung

Die Krise der Erfahrung besteht für den jungen Menschen darin zu erkennen, dass

  • er ganz Anderes kann als angenommen,
  • auch andere Ideen und Initiativen haben,
  • Vieles kompliziert ist („einerseits-andererseits“),
  • Kompromisse notwendig sind, um die Möglichkeit der Verwirklichung mit Abstrichen an dem Ideal der Forderung zu erkaufen,
  • die Wirklichkeit zäh ist und etwas als Richtig zu erkennen noch nicht heißt, dass es auch gelingt, die Welt oder auch nur sich selbst tatsächlich zu verändern.

Entmutigend kommt dem so erschütterten Menschen zu Bewusstsein was „Durschnitt“ und „Alltag“ heißt und wie selten wirkliche Begabung und herausragende Leistung ist. Er entdeckt die Macht des Faktischen. Jenes, das nicht sein muss, aber ist. Das nicht von Prinzipien abgeleitet werden kann und daher auch nicht von ihnen bezwungen werden kann.

Das Lebensbild des jungen Menschen ist damit überholt und ein neues muss gewonnen werden. Das kann misslingen. Einerseits kann der junge Mensch an seinen bisherigen Haltungen festhalten und wird so zum Fanatiker oder ewigen Revolutionär, der nichts anerkennt, den Kontakt mit dem Gegebenen nicht findet, und es so zu keiner wirklichen Leistung bringt. Andererseits kann er aber auch vor der Wirklichkeit kapitulieren. Er richtet sich dann nur noch nach dem was „Alle“ sagen und fragt ausschließlich nach eigenem Nutzen und Genuss. Dann entsteht ein Mensch, der jedem wirklichem Strebenden und Hoffenden sagt, man müsse „Realist“ sein; das Leben nehmen wie es ist; sich seine Position schaffen und genießen, was genossen werden kann.

In beiden Fällen ist der Übergang nicht gelungen, der darin besteht, die Erfahrung anzunehmen und zugleich daran festzuhalten, dass es nicht nur um Geld und Macht geht, sondern etwas Wertvolles zu leisten und aus sich selbst einen rechten Menschen zu machen.

Der mündige Mensch

Geschieht das, dann bildet sich eine neue Lebensfigur heraus: der mündige Mensch. Der Mensch hat in der Wirklichkeit Stand gefasst und ist entschlossen, seine Gesinnungen auch zu verwirklichen. Neue Werte gewinnen an Bedeutung: Zuverlässigkeit; das Stehen zum gegeben Wort; Ehre als Gefühl für das was Recht und Unrecht ist; die Fähigkeit in Wort, Verhalten und Leistung zwischen Echt und Unecht zu unterscheiden. Jetzt entsteht das was man „den Mann“ und „die Frau“ nennt. Die charakterstarke Persönlichkeit auf die Andere sich verlassen können.

Der Eisberg schmilzt

Wie treibe ich mehr Sport oder vermeide den geliebten Süßkram? Bei Change Management denke ich nicht an Firmenfusionen sondern eher an die Schokoladenseiten des Lebens. Ähnlich konkret (aber erfahrener!) geht John Kotter von der Harvard Business School das Thema an. Sein Buch Das Pinguin-Prinzip fischte ich mir vor einiger Zeit aus den Weihnachtsgeschenken meines Bruders. Innerhalb eines Abends fand ich darin die Hauptschritte erfolgreicher Veränderungsprojekte kurzweilig in einer Fabel illustriert:

  1. pinguinprinzipProblembewusstsein schaffen
  2. Ein vielseitiges Team
  3. Vision und Strategie entwickeln
  4. Hindernisse aus dem Weg räumen
  5. Schnelle Erfolge schaffen
  6. Neue Lebensweise etablieren
  7. Veränderungen gegen Tradition verteidigen.

Veränderung hat demnach mehr mit Emphatie als mit Optionen und Analytik zu tun. Plausibilität, Stimmigkeit, Attraktivität sind wichtiger als eine lückenlose Beweiskette von Ursachen und Lösungen.

Die Pinguinfabel ist kurzweilig,konkret und humorvoll. Dabei ist allerdings auch Vieles vereinfacht, und Widerstände lösen sich schneller in Wohlgefallen auf als im wirklichen Leben. Etwas realistischer ist da aus meiner Sicht das noch gelungenere Buch The Change Monster. Entlang der unten illustrierten „Veränderungskurve“ beschreibt dort eine Unternehmensberaterin die Moral der Beteiligten über die Zeit. Dadurch wird deutlich,  dass zwischen der ausreichend verzweifelten Ausgangssituation und dem rosigen Zielzustand vor allem eines gefragt ist: Durchhaltevermögen.

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