Spenden im Web 2.0

Glück oder Pech? Kürzlich hatte ich die Idee, die Welt mit einem Marktplatz für ehrenamtliches Engagement ein bisschen besser zu machen. Von Euch Bloglesern habe ich erfahren, dass ich damit nicht der Erste bin. Pech für mich also — aber Glück für die Welt. Hier ein kleiner Überblick, was es so gibt.

Die Offiziellen: Engagiert in Deutschland wird vom Familienministerium gefördert und ist Teil des BBE, ein Verband mit 220 Einzelorganisationen und Millionen Mitgliedern. Die Seite ist allerdings noch im Aufbau und wirkt eher wie eine reine Info-Seite aus den 90ern.

Die Fetzigen: Da kommt Helpedia frischer daher. Die Seite tritt selbstbewusst auf und macht Lust zum Mitmachen. Ein Spendenbarometer zeigt auf einen Blick welchen Aktionen noch Geld fehlt. Doch nicht alle Projekte sind sozial.

Der Klassenprimus: Betterplace sticht beide. Die Seite sieht nicht nur professionell aus, sondern generiert durch viele Feedback-Möglichkeiten glaubwürdige Bezüge zur Realität der Projekte. Besucher dokumentieren Ihre Erfahrungen vor Ort und Projekt-Blogs versorgen Unterstützer mit aktuellen Infos. Im Community Teil werden Spender vorgestellt.

Das Vorbild: Im Fund Raising bewegt sich Deutschland, in dem alles Soziale auch gerne mal dem Staat überlassen wird, im Windschatten der USA. Auf VolunteerMatch können Freiwillige Ihre Geschichte vorstellen und Businesslösungen helfen Unternehmen — z.B. über MySapce — Kunden oder Mitarbeiter für soziale Projekte zu gewinnen.

Das Feld für Ehrenamt und Spenden im Web ist also schon gut beackert und allen Betreibern ist viel Erfolg zu wünschen. Eine zusätzliche Funktion, die ich auf keiner der Seiten entdeckt habe, ist die Möglichkeit, sich durch seine ehrenamtliche Mitarbeit eine soziale Reputation aufzubauen — ähnlich einem verlässlichen Verkäufer bei eBay oder einem besonders hilfsbereiten Experten in einem Hilfeforum. Diese wäre dann von Xing oder LinkedIn referenzierbar, so dass endlich Fakten an die Stelle schwammiger Selbstbeweihräucherung im Lebenslauf treten können: Tu Gutes und rede darüber.

PS: Danke an alle, die mir Hilfe angeboten haben. Irgendwann kommt sicherlich die Gelegenheit bei der wir Ernst machen.


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Kongress Christlicher Führungskräfte

Dieses Jahr war ich zum ersten Mal auf dem Kongress Christlicher Führungskräfte in Düsseldorf. 3600 Teilnehmer aller Konfessionen und Gesellschaftsbereichen, erfahrene Sprecher wie Claus Hipp oder Peter Hahne und tolle Musik (z.B. Lothar Kosse und Judy Bailey). Klasse.

Das Motto „Mit Werten in Führung gehen“ passte gut zur Wirtschaftskrise, in der ja plötzlich alle Welt nach Werten ruft, ermüdete aber andererseits auf Dauer auch etwas, da sich alle — selbst in den Podiumsdiskussionen — so schrecklich einig waren, dass christliche Werte der Turbo für wirtschaftlichen Erfolg sein. Typisch Deutsch, sind wir doch nach einer aktuellen Umfrage eh die Wertefreaks der EU:

Etwas kontroverser aber ungemein inspirierend warb Markus Spieker vom ARD für eine „Romantischen Revolution“:

  • Ein Christentum, dass bei Menschen wieder Herzklopfen auslöst, weil es etwas mit den größten menschlichen Sehnsüchten zu tun hat: dem verlorenen Paradies, unbedingter Liebe, Sicherheit.
  • Kirchen, die sich mehr mit Jesus Christus als sich selbst beschäftigen.
  • Glaube voller Freundlichkeit, Begeisterung, Schönheit, Ehrfurch, Zärtlichkeit, Weite und mehr bekannt ist.
  • Eine christliche Avantgarde die, statt um Einfluss in den existierenden Hierarchien zu buhlen, neue Räume erschließt und zu Magneten macht.

Nachzulesen ist sein leidenschaftlicher Appell in Faithbook.

Highlights unter den Seminaren war 20×09: 9 junge Menschen, erzählen je 20 Minuten über Zukunftsthemen wie Frieden, Armut, Engagement, Krankheit, Internet und mehr. Anschließend Möglichkeit zu Diskussion und Kennenlernen.

Seid 20×09 habe ich eine Nonprofit-Geschäftsidee im Kopf. Eine der Vortragenden beschriebwie gerne sich ihrer Erfahrung nach engagieren, wenn man sie nur richtig anspricht. Wäre es nicht klasse, eine Webseite hochzuziehen, in der sich soziale Projekte vorstellen und Helfer anfragen. „Wer hilft Senioren beim Einkaufen“ hätte dort ebenso einen Platz wie „Wer kommt sechs Wochen für ein Jugend-Sommercamp mit in den Libanon“. Projekte und Helfer werden im Web-2.0-Style bewerten, kommentiert, geordnet, so dass jeder schnell passende und sinnvolle Projekte vor Ort findet. Wer möchte kann sich damit sogar eine soziale Reputation aufbauen, die belegt, dass jemand sich wirklich engagiert hat — statt es nur schwammig im Lebenslauf zu behaupten. Ähnliche Seiten habe ich schon für Entwicklungsprojekte und Kleinkredite gesehen.

Lass mich wissen, wenn Du dazu Ideen hast oder sogar mitmachen möchtest.


Glück und Moral gehören zusammen

Auf der Suche nach der Balance zwischen Moral und Glück entdecke ich Überraschendes: Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, entdeckten in den letzten Jahrzehnten auf Ihre Weise, dass beides Seiten derselben Medaillie sind. In diesem Beitrag beschreibe ich einige Stationen meiner Entdeckungsreise. Es begann in der deutschen Hauptstadt …

„Du bist zu gutgläubig“, stichelte mein Berliner Freund Andreas. Der Abend war schon fortgeschritten, doch es war eines dieser herrlichen Gespräche, bei Wein und Dunkelheit, die so inspirierend sind, dass sich lange keine Müdigkeit einstellt. Ich hatte gerade erfolglos versucht spieletheoretisch zu begründen, dass es sich lohne an Gott zu glauben, wenn man nur annehme dass seine Existenz möglich sei. (Macht Wein klug oder fühlt man sich nur klüger; naja, egal solange der andere ihn auch trinkt) . Nun setzte er zum Konter an. Ein Mensch handele nie selbstlos nur um anderen etwas Gutes zu tun. Stets schiele er auf die eigene Belohnung – das gute Gefühl, die himlische Belohnung. Das spiele doch keine Rolle, verteidigte ich mich — nenne es eben Egoismus, für meine Mitmenschen sei es jedenfalls nicht das gleiche ob ich nur an mich dächte oder mich um andere kümmere.

Ob ich mit diesem Kompromiss Gehör fand weiß ich nicht mehr, doch die Frage ist mir seit dem immer mal wieder durch den Kopf gegangen. Andreas‘ Meinung, so radikal sie mir damals vorkam, ist ja mittlerweile Mainstream: jeder denkt nur an sich — und seid Adam Smith ist damit hoffentlich an alle gedacht. Biologen, Volkswirte, Psychologen: alle scheinen sich einig zu sein. Doch lässt sich mit dieser Ansicht wirklich Staat machen? J. F. Kennedy’s Meinung zu diesem Thema ist in die Geschichtsbücher eingegangen: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst.“ Das bringt doch etwas zum klingen. Steckt nicht von jedem von uns der Wunsch, zu etwas Größerem beizutragen als nur der eigene Bausparvertrag?

Für Immenuel Kant schlossen Altruismus und Egoismus sich aus. Wirklich moralisch gut sei eine Handlung erst dann, wenn sie dem Täter keine eigene Freude bringe, sondern in Verleugnung der eigenen Lust geschehe. Das ist ein hoher Anspruch. Vielleicht zu hoch und dann hätte Andreas doch recht und die kopernikanische Wende wäre doch noch nicht bei uns angekommen: noch immer kreisten wir nur um uns selbst.

Aber was, wenn Kant irrte? Genau davon bin ich überzeugt, nachdem ich in den letzten Monaten wie zufällig bei Autoren wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten darauf stieß, dass selbstloses und eigennütziges Handeln untrennbar miteinander verbunden sind. Im Folgenden ein kleiner Streifzug durch die Disziplinen.

Neurobiologie

Egoismus wird heute gerne wie so vieles aus der Evolution heraus begründet. Im Überlebenskampf der Natur hätten eben nur überlebt, wer sich am besten eigene Vorteile verschaffen konnten. Für Menschen, die hier nicht weiterdenken, bleibt Altruismus ein großes Rätsel. Hier räumt der Mediziner und Therapeut Joachim Bauer in Prinzip Menschlichkeit mit Ungenauigkeiten der klassischen Evolutionslehre auf. Kampf und Konkurrenz seien menschliche Begriffe aus dem Wirtschaftsleben und nicht primäre Triebfeder menschlichen Handelns:

„Wir sind – aus neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooporation angelegte Wesen. Kern aller menschlicher Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben.“

Damit widerspricht er auch Richard Dawkins und anderen übereifrigen Vertretern der Soziobiologie für die es in maßloser Überschätzung Ihrer Deutungshoheit nur Kampf, Eigenliebe und weder freien Willen noch Identität gibt.

Psychologie

Was diese Erkenntnis ganz praktisch heißt, beschrieb Victor Frankl schon vor einigen Jahrzehnten:

„was der Mensch wirklich will ist letzten Endes nicht das Glücklichsein, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück, stellt sich die Lust von selber ein … und auf Grund eben dieses seines Willens zum Sinn ist der Mensch darauf aus, Sinn zu finden und zu erfüllen, aber auch anderem menschlichen Sein in Form eines Du zu begegnen, es zu lieben. Beides, Erfüllung und Begegnung, gibt dem Menschen einen Grund zum Glück und zur Lust Beim Neurotiker wird dieses primäre Streben gleichsam abgebogen in ein direktes Streben nach dem Glück.“

Einfacher als der Text ist das Bild: der direkte Weg zum Glück ist verbaut, weil der Mensch sich nicht selber täuschen kann: Zum Erfolg führt der indirekte Weg.

Theologie

Der Neutestamentler Klaus Berger beschreibt diesen Weg mit seinen Worten:

„In der Direktmethode der Selbstverwirklichung liebt der Mensch nur sich selbst, kreist er verzweifelt, seine Kräfte erschöpfend um sich selbst. Das ist deshalb aussichtslos, weil wir auf diesem Weg gerade nicht frei werden, weil wir uns so nur immer weiter verkrampfen. Und das wahre Glück bestände doch im Gelassen-Sein, im Lassen-Können … Freilich hat die isolierte Selbstlosigkeit auch das Christentum und die Moral nachhaltig verdorben, besonders wenn all dieses von irdischen Machthabern, geistlichen oder weltlichen, für die eigene Herrschaft und zu deren Zementierung ausgenutzt wurde. Hingabe ist gerade kein Selbstzweck … Es fehlt dann etwas, das für Jesus, aber auch für Paulus und Johannes untrennbar mit aller Hingabe verbunden ist: die Freude … Zu wissen, dass man glücklich macht, dass ist das Glück. Und daher ist die Freude der einzige und der eigentliche Sinn jeden menschlichen Projekts, jeder einzelnen Lebensgeschichte.“

Über die Bedeutung der Freude hat der der Theologe John Piper ein ganzes Buch geschrieben. Erst die Freude macht das gute Werk vollkommenen. Was wäre etwa der Blumenstrauß an die Geliebte wert, würde er mürrisch und wiederwillig übergeben. Gutes tun kann, ja muss!, also Spaß machen. Hier steht Kant Kopf und das hat Konsequenzen für die christliche Lebenspraxis. „Einen freudigen Geber hat Gott liebt“ gilt damit nicht nur für den Klingelbeutel, sondern für das ganze Leben. Griesgrämige Moralisten sind out — und das seid 2000 Jahren.

Soziobiologie

Schließen wir noch einmal mit der Biologie: In DRIVEN wagen zwei Professoren aus Harvard eine Synthese von Evolutionsbiologe, Psychologie und Neurologie. Ebenso belesen wie vollmundig stellen sie die These auf, dass Menschen von vier Trieben („Drives“) angetrieben sind: Besitzen, Zwischenmenschliche Beziehung, Lernen, Verteidigung. Das Buch ist mit Vorsicht zu genießen, denn

  • die Autoren preisen den naturwissenschaftlichen Fortschritt nahezu als Pfad zu vollkommener Gewissheit und ewigem Glück. Eine Einstellung hinter die nach der Bilanz das 20 Jahrhunderts geradezu polemisch wirkt.
  • ihre Argumentation ist bisweilen „kreativ“: eine Tatbestand (z.B. die Unabhängigkeit der Triebe) existiert schon alleine deshalb, weil seine Existenz einen Vorteil in der Evolution darstelle.

Trotzdem ist DRIVEN lesenswert, weil es verschiedene Facetten unserer Motivation plausibel und differenziert ausleuchtet und so dem Homo Economicus, der zu lange durch die Wirtschaftsmodelle geisterte, als naive Annahme entlarvt. Spannend Nuance: jeder Trieb ist echt („unabhängig“). Menschen suchen also z.B. Beziehungen nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern es ist ein primäres Ziel. Dass der fürsorgende, kooperative Mensch auch überlebenstauglicher ist, ist Ergebnis aber nicht Motiv. Sogar dem freien Willen gestehen die Autoren — ganz entgegen dem Credo ihrer Zunft — noch einen Platz zu:

Human genes do not determine behavior, far from it. On the contrary; they actually require the exercise of free will.

So endet die kleine Gedankenreise mit einem Happy End, denn Andreas und ich dürfen Recht behalten — ganz im Gegensatz zum großen Immanuel Kant, der diesmal das Nachsehen hat.