Einatmen-Ausatmen

Mit Vorsätzen war ich Anfang diesen Jahres sehr zurückhaltend. Bereits 2008 beschränkt ich mich auf einen einzigen, den ich als „Einatmen-Ausatmen“ bezeichnete. Gemeint ist damit, nicht ständig nur aktiv zu sein („Ausatmen“) sondern auch Zeiten der Besinnung und Kontemplation zu haben („Einatmen“). Diese Angelegenheit gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht, denn nicht ohne Grund wird der Lebensabschnitt um die Dreißig als Rush Hour beschrieben, in dem sich mehr Aktivität zu ballen scheinen als davor oder danach. Doch ich gebe nicht auf und habe gerade einen Auszug aus einem Buch vor mir liegen, den mir ein Freund im letzen Jahr zu diesem Thema hat zukommen hat lassen.

In Von der Freiheit loszulassen. Letting Go. geht der Franziskanerpater Richard Rohr das Thema Kontemplation aus der Perspektive christlicher Meditation an. Nun weiß ich weder etwas über R. Rohr noch habe ich die weiter unten beschriebene Übung bisher ausprobiert. Doch vielleicht hat ja jemand der diesen Text liest, Erfahrungen oder Gedanken zu diesem Thema. Eine Warnung für alle Nicht-Kirchengänger: Achtung, jetzt folgt Fachsprache.

Als in der Bibel das erste Mal vom Heil Gottes für die Menschen die Rede ist, verspricht Gott, dem Volk Israel ein weites, umfassendes Land. Im übertragenen Sinne ist unsere Seele so ein weiter Raum, den Gott uns schenkt. In diesem Sinne retten wir unsere Seele nicht, wenn wir zu Gott kommen, sondern wir entdecken sie. Eine andere Art das zu sagen ist, dass wir bereits mit Gott verbunden sind, und das Problem nur darin besteht, dass wir es nicht glauben (ein Gedanke der sich auch bei Rob Bell findet). Aus der Frage des Glaubens machen wir stattdessen eine Frage der Würdigkeit. Wir versuchen dauernd gute Menschen zu sein. Doch unser wirklicher Wert hängt nicht davon ab, was wir tun, sondern wer wir vor Gott sind. In der Kontemplation geht es darum, diese Perspektive auf die Wirklichkeit zu gewinnen.

Die meisten Menschen leben in einem ununterbrochenen Fluss von Ideen, Bildern und Gefühlen. Da wir nie versuchen sie abzulegen, wissen wir gar nicht, wer wir ohne sie sind. Stattdessen klammern wir uns an sie, so dass gar nicht mehr wir eine Idee haben, sondern unsere Ideen haben uns. Stattdessen ist es aber wichtig zu entdecken, wer wir vor Gott schon immer waren, bevor wir irgend etwas richtig oder falsch gemacht haben.

Dazu schlägt R. Rohr die folgende Übung vor: Stelle Dir vor, an einem Fluss zu sitzen, an dem Deine Gedanken in Form von Booten an Dir vorbei schwimmen. Was immer ihr Inhalt ist, halte sie nicht fest, sondern lasse sie vorbei treiben. Freue Dich weder an positiven Gedanken noch ärger Dich über negative. Es ist eine Übung im Loslassen und der Gewaltlosigkeit.

Die Chance dieser geistlichen Übung besteht darin, sein eigenes Selbstbild, sei es positiv oder negativ, einmal abzulegen — ein ganz anderes Ziel als in der Psychologie, in der es darum geht das Selbstbild neu zu arrangieren und aufzuhellen. Kontemplation ist dabei keine bloße Nabelschau, sondern ermöglicht letztlich in Aktion, denn wer loslässt schafft Raum für Christus und kann in seinem Sinne und in größerer Freiheit Neues ergreifen.

Da es viel Energie kostet sich für andere einzusetzen ist ein Ort des Friedens, dem einem keiner nehmen kann, wichtig. Von vielen sozial sehr engagiert Menschen wie etwa Martin Luther King oder Dietrich Bonhoefer ist bekannt, dass sie viel Zeit in Stille und Gebet verbracht haben. Auch Jesus praktizierte nach den Berichten der Bibel ein ständiges Hin und Her zwischen radikaler innerer Zurückgezogenheit und einem radikalen äußeren Lebensstil.

Wichtig ist es am Ball zu bleiben, denn Gott wirkt oft in einem Wachstumsprozess, in dem wir lernen auf ihn zu hören und uns ihm hinzugeben. Die große Wahrheit wird dabei immer jenseits von uns liegen und nicht unsere egoistischen Bedürfnisse unterstützen, sondern ihnen häufig sogar entgegen stehen.

Ich habe bisher keine Erfahrungen in einer solchen geistlichen Übungen, aber ich werde Ihr in der nächsten Zeit mal eine Chance geben, weil ich lernen möchte, nicht durchs Leben zu eilen, sondern dabei auch immer wieder inne zu halten.

Zwei weitere inspirierende Bücher zum Thema Christliche Mystik ist das 300 Jahre alte Leben in Gottes Gegenwart und die theologisch sorgfältige The Divine Conspiracy.


Freunde Gewinnen

2007 habe ich das Geheimnis der amerikanischen Freundlichkeit entdeckt: How to Win Friends and Influence People von Dale Carnegie. Es war bereits 1936 ein sagenhafter Erfolgt und begründete das Ratgeber Genre. Das Buch ist voller großmäuliger Versprechen, platter Beispiele und ständige Wiederholung einer einzigen Aussage: Behandele Deine Mitmenschen respektvoll und freundlich. Es ist gespickt mit Geschichten und konkreten Tipps, in denen es darum geht, echtes Interesse am Anderen zu zeigen, stets zu lächeln, zuzuhören und positives zu sagen anstatt zu kritisieren und zu diskutieren. Ich schaffte es bis zur letzten Seite, weil das Buch die Empfehlung eines Freundes war, aber das ganze wirkte auf mich ziemlich oberflächlich und berechnend.

Dennoch entschloss ich mich, die Sache eine Woche auszuprobieren.Ich begann Kollegen am Telefon mit euphorischer Stimmen nach Ihrem Befinden zu fragen, beantwortete jede E-Mail schnell und freundlich und lächelte Kollegen in Besprechungen voller Anerkennung an. Mir selbst kam mein Verhalten dabei völlig übertrieben vor. Doch da geschah etwas Überraschendes: Es funktionierte tatsächlich. Kollegen freuten sich über meine Wertschätzung und ich ich merkte , dass ich Ihnen etwas Gutes tat. Sie arbeiteten gerne mit mir zusammen, halfen mir wo sie konnten und wir lieferten schnell und unkompliziert gemeinsame Ergebnisse.

Der Erfolg hält bis heute an und noch immer bin ich verblüfft. Viele Ratgeber, etwa der berühmte Steven Covey, machen einen viel durchdachteren Eindruck und überzeugen schon beim Lesen. Aber häufig eben auch nur beim Lesen, und nur Wenig kommt im praktischen Leben an. Carnegie scheiterte zunächst in allem was er selbst tat — als Farmer, Lehrer, Romanautor, Ehemann und Investor — doch was er schreibt funktioniert.

Vor einigen Tagen erhielt ich das Feedback meines Chef, dass er in jeder Hinsicht mehr als zufrieden mit mir sei. Nur eine einzige Sache müsse ich noch Lernen: Ich sei in Konfliktsituationen zu nett und nachsichtig. Ich lächelte Ihn an und versicherte ihm, wie sehr ich seinen Rat schätze.

Die fast schon magische Wirkung der Freundlichkeit ist übrigens sehr unterhaltsam im Kurzfilm Validation beschrieben.


Die Krise der Erfahrung

Jeder Lebensabschnitt hat seine eigenen Herausforderung. Junge Erwachsenen kennen die Euphorie, Eltern und Schule zu verlassen, eine Ausbildung in einer anderen Stadt zu beginnen und Famile zu gründen. Oft wird erst nach solchen Einschnitten bewusst, wieviel sich wirklich geändert hat. Im Bilde eines Spieles gesprochen kommen nicht nur neue Spieler hinzu, sondern es beginnt ein völlig neues Spiel, deren Ziel und Regeln mittem im Eifer des Gefechtes zu erlernen sind.

lebensalterDas Buch Die Lebensalter von Romano Guardini gibt einen Überblick über die Aufgaben der unterschiedlichen Lebensphasen. Es gibt Bücher, die begeistern dadurch, dass sie eine völlig neue Gedankenwelt aufschließen (Jesus von Klaus Berger hat gerade diese Wirkung auf mich). Doch Guardini’s Büchlein berührt mich subtiler, denn hier finde ich eigene Gedanke, die ich bisher nicht in Worte fassen konnte, schwarz auf weiß. Das ist wie die Erleichterung eines Kindes, wenn es erfährt, dass das tobende Etwas „Gewitter“ heißt. Alleine dadurch, dass Dinge einen Namen haben, ist ihnen schon der größte Schrecken genommen. In dem für mich passend zum Lebensabschnitt bewegendsten Teil des Buches beschreibt Guardini den Übergang vom jungen Menschen zum mündigen Menschen durch die Krise der Erfahrung.

Der junge Mensch

Der junge Mensch ist sich seiner vitalen Kräfte und Möglichkeiten bewusst, doch es mangelt ihm noch an Wirklichkeitserfahrung. Die Welt erscheint ihm unendlich offen, die Kraft unbegrenzt und Alles möglich. Es ist die Zeit des natürlichen Idealismus, der die Kraft der Idee überschätzt und Kompromisse ablehnt. Noch fehlt das Wissen um die Zähigkeit des Seins und der Maßstab für das, was der Mensch überhaupt leisten kann. Entscheidungen, die das ganze Leben bestimmen, werden in dieser Zeit vollzogen, in der ein nüchterner Blick auf die Wirklichkeit noch fehlt. Das ist gefährlich, aber zugleich auch Chance, weil der junge Mensch Großes wagt, zu dem er sich später womöglich nie wieder wird entschließen könnte.

Die Aufgabe des jungen Menschen ist es, sich selbst anzunehmen und zu sich zu stehen. Indem er lernt für sich selber zu denken, behauptet er seine Freiheit dagegen wie wie „man“ — laut der Meinung anderer — zu handeln habe. Er erlebt, dass Geschichte insofern menschlich ist, dass sie mit jedem Einzelnen neu beginnt.

Die Krise der Erfahrung

Die Krise der Erfahrung besteht für den jungen Menschen darin zu erkennen, dass

  • er ganz Anderes kann als angenommen,
  • auch andere Ideen und Initiativen haben,
  • Vieles kompliziert ist („einerseits-andererseits“),
  • Kompromisse notwendig sind, um die Möglichkeit der Verwirklichung mit Abstrichen an dem Ideal der Forderung zu erkaufen,
  • die Wirklichkeit zäh ist und etwas als Richtig zu erkennen noch nicht heißt, dass es auch gelingt, die Welt oder auch nur sich selbst tatsächlich zu verändern.

Entmutigend kommt dem so erschütterten Menschen zu Bewusstsein was „Durschnitt“ und „Alltag“ heißt und wie selten wirkliche Begabung und herausragende Leistung ist. Er entdeckt die Macht des Faktischen. Jenes, das nicht sein muss, aber ist. Das nicht von Prinzipien abgeleitet werden kann und daher auch nicht von ihnen bezwungen werden kann.

Das Lebensbild des jungen Menschen ist damit überholt und ein neues muss gewonnen werden. Das kann misslingen. Einerseits kann der junge Mensch an seinen bisherigen Haltungen festhalten und wird so zum Fanatiker oder ewigen Revolutionär, der nichts anerkennt, den Kontakt mit dem Gegebenen nicht findet, und es so zu keiner wirklichen Leistung bringt. Andererseits kann er aber auch vor der Wirklichkeit kapitulieren. Er richtet sich dann nur noch nach dem was „Alle“ sagen und fragt ausschließlich nach eigenem Nutzen und Genuss. Dann entsteht ein Mensch, der jedem wirklichem Strebenden und Hoffenden sagt, man müsse „Realist“ sein; das Leben nehmen wie es ist; sich seine Position schaffen und genießen, was genossen werden kann.

In beiden Fällen ist der Übergang nicht gelungen, der darin besteht, die Erfahrung anzunehmen und zugleich daran festzuhalten, dass es nicht nur um Geld und Macht geht, sondern etwas Wertvolles zu leisten und aus sich selbst einen rechten Menschen zu machen.

Der mündige Mensch

Geschieht das, dann bildet sich eine neue Lebensfigur heraus: der mündige Mensch. Der Mensch hat in der Wirklichkeit Stand gefasst und ist entschlossen, seine Gesinnungen auch zu verwirklichen. Neue Werte gewinnen an Bedeutung: Zuverlässigkeit; das Stehen zum gegeben Wort; Ehre als Gefühl für das was Recht und Unrecht ist; die Fähigkeit in Wort, Verhalten und Leistung zwischen Echt und Unecht zu unterscheiden. Jetzt entsteht das was man „den Mann“ und „die Frau“ nennt. Die charakterstarke Persönlichkeit auf die Andere sich verlassen können.

Der Eisberg schmilzt

Wie treibe ich mehr Sport oder vermeide den geliebten Süßkram? Bei Change Management denke ich nicht an Firmenfusionen sondern eher an die Schokoladenseiten des Lebens. Ähnlich konkret (aber erfahrener!) geht John Kotter von der Harvard Business School das Thema an. Sein Buch Das Pinguin-Prinzip fischte ich mir vor einiger Zeit aus den Weihnachtsgeschenken meines Bruders. Innerhalb eines Abends fand ich darin die Hauptschritte erfolgreicher Veränderungsprojekte kurzweilig in einer Fabel illustriert:

  1. pinguinprinzipProblembewusstsein schaffen
  2. Ein vielseitiges Team
  3. Vision und Strategie entwickeln
  4. Hindernisse aus dem Weg räumen
  5. Schnelle Erfolge schaffen
  6. Neue Lebensweise etablieren
  7. Veränderungen gegen Tradition verteidigen.

Veränderung hat demnach mehr mit Emphatie als mit Optionen und Analytik zu tun. Plausibilität, Stimmigkeit, Attraktivität sind wichtiger als eine lückenlose Beweiskette von Ursachen und Lösungen.

Die Pinguinfabel ist kurzweilig,konkret und humorvoll. Dabei ist allerdings auch Vieles vereinfacht, und Widerstände lösen sich schneller in Wohlgefallen auf als im wirklichen Leben. Etwas realistischer ist da aus meiner Sicht das noch gelungenere Buch The Change Monster. Entlang der unten illustrierten „Veränderungskurve“ beschreibt dort eine Unternehmensberaterin die Moral der Beteiligten über die Zeit. Dadurch wird deutlich,  dass zwischen der ausreichend verzweifelten Ausgangssituation und dem rosigen Zielzustand vor allem eines gefragt ist: Durchhaltevermögen.

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Die Ultimative Herausforderung

gatesBill Gates forderte Harvard und seine Absolventen 2007 dazu auf, ihr Talent und Energie dafür einzusetzen, den Schwachen zu helfen. Die Rede ist eindrucksvoll, denn Gates formuliert sein Anliegen klar und klug als sowohl intellektuelle Herausforderung und Verpflichtung, besonders für die, denen viel gegeben ist. Auch die ersten Teile der Ansprache sind sehenswert. Ein kleiner Wermutstropfen ist Gates eigene Biografie, in der er sich erst spät, Zeit für die Nächstenliebe nimmt. Doch wie sagt der Franzose im Gegensatz zum Deutschen: Besser spät als nie.

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