Ich Bin Ich

Bei xpand  ging es kürzlich um „Authentische Führung“. Eine gute Einführung in das Thema gibt eine aktuelle Studie aus Harvard. Deren Autoren kommen nach Lektüre von über 1000 Veröffentlichungen zu dem Schluss, dass es kein Patentrezept für wirksame Führung gäbe. Stattdessen schlagen sie basierend auf 125 Interviews vor, in in sich zu gehen – etwa mit den folgenden Fragen.

1. Wo komme ich her? John Barth schrieb einmal: „Die Geschichte Deines Lebens ist nicht Dein Leben. Es ist Deine Geschichte.“ Das ist ein tolles Zitat: Es zählen also nicht nur die harten Fakten meines Lebens, sondern meine persönliche — ständig in meinem Kopf ablaufende — Nacherzählung, mit der ich versuche einen roten Faden zu finden. Fußnote: Ich finde diese Interpretation der eigenen Geschichte schwer, weil heutzutage ein klarer Kontext fehlt. Das war früher anders: Feste Gemeinschaften — die Großfamilie, das Dorf, die Kirche — boten die Rahmenhandlung, in deren größeren Plot sich jeder einzelne einklinken konnte. Dagegen gerät die postmoderne Lebensgeschichte zur Sammlung von Kurzgeschichten: Ausland hier, Freunde dort, einige Hobby, ein Job, etc. Bei so einem Flickenteppich ist die Frage nach den eigenen Wurzeln schwierig. Ein guter Start ist die Frage: Welche Personen hatten bisher besonders großen Einfluss auf mich?

2. Wer bin ich? In welchen Momenten bin ich ganz ich selbst? Passt meine Wahrnehmung zu meiner Außenwirkung?  Was sind meine Stärken? Was sind Probleme, denen ich vielleicht aus dem Weg gehe?

3. Was ist mir wichtig? Was mir wirklich wichtig ist, zeigt sich am deutlichsten unter Druck oder bei schweren Entscheidungen. Jeder wäre wohl gerne ein guter Mensch, der sich für seine Familie und Freunde engagiert, ebenso vielseitig wie beruflich erfolgreich ist und noch vieles mehr. Doch das Gute ist der Feind des Besten: erst wenn ich zwischen diesen Gütern wählen muss zeigt sich, was mir wirklich wichtig ist. Arbeite ich auch am Wochenende oder nicht? Bin ich bereit, Hobbys für meine Familie aufzugeben?

4. Was treibt mich an? Dauerhafte Motivation speist sich daraus, dass mein Tun für mich Sinn macht. Eine gute Balance zwischen externer und interner Motivation zu finden kann vor allem für erfolgsverwöhnte Aufsteiger schwierig sein.

5. Wer unterstützt mich? Wer hilft mir in Zeiten der Krise? Ein gutes Netzwerk schließt Freunden wie Kollegen ein und ist vertrauensvoll und gegenseitig. Gemeinsame Werte und Ziele schweißen besonders zusammen.

6. Wie passt alles zusammen: Lebensbereiche integrieren. Bin ich in allen Lebensrollen „ich selbst“, so dass sie nicht nur um Zeit konkurrieren, sondern sich auch ergänzen? Um ein lebenslanges Ringen um die richtige Balance kommt trotzdem keiner herum.

Das Thema „Authentische Führung“ macht Mut, weil ich nicht erst anders werden muss, sondern ich selbst sein kann. Gleichzeitig ist es nicht leicht, sich selbst so auf den Grund zu gehen, und meine Erfahrung ist, dass man an schwer Greifbares wie etwa persönliche Ziele, Motive oder Werte nicht so ohne Weiteres herankommt, sondern diese Reflexion Disziplin und eingeübte Sensibilität verlangt. Doch diese Mühe ist es sicherlich wert!

Ich AG

Jeder ist Chef seines Lebens. Das ist heute wichtiger als je zuvor, weil wir soviele Möglichkeiten und damit auch Verantwortung haben. Als Vorstand  der ganz persönlichen „Ich AG“ können dieselben Rollen und Fragen inspirieren, die der HBR für Konzernlenker vorschlägt:

  • Entscheider: Treffe ich im großen und kleinen gute Entscheidungen und setze sie konsequent um?
  • Stratege: Habe ich eine Vorstellung davon , wie mein Leben als ganzes entwicklen soll? Entwickle ich eine Vision und eine Stratgie sie zu erreichen?
  • Mobilisierer: Motiviere ich mich selbst und andere zu positiver Aktivität? Verleihe ich Aktivitäten Bedeutung und steuere sie zielführend?
  • Mentor: Erkenne ich Potential in mir und anderen und fördere es?
  • Erneuerer: Bin ich bereit destruktive Denkmuster und Verhaltensweisen über Bord zu werfen?
  • Botschafter: Vertrete ich meine Interessen, etwa Glaube, Familie, Freunde, nach Außen und verteidige sie?
  • Eigentümer: Gehe ich mit meinem Leben wie ein Eigentümer um, handele also im langfristigen Interesse?

Richtig Gutes Tun

Michael Porter ist ein Vordenker. Das ist zwar nicht ganz so nützlich wie ein Vorbild, aber schon mal besser als nur Nachdenker. In den letzten Jahren beschäftigt er sich damit, dass es sich für Firmen lohnen kann Gutes zu tun, wenn man das Geben richtig angeht.

Zweifelhaft sei es, einfach Geld in irgendwelche sozialen Projekte zu geben, nur um das Gewissen zu beruhigen und den Ruf zu verbessern. Das mag manchen gefallen, für die Ziel eines Unternehmens sein Beitrag zur Gesellschaft ist. Doch nicht alle, die Ihr Geld und Ihre Arbeitskraft in die Firme stecken mögen diesen Idealismus teilen, sondern sich ärgern, dass man das ihnen zustehendes Geld zum Fenster rauswirft.

Wirtschaften und Wohltat müssten sich allerdings nicht zwangsläufig ausschließen, meint Porter, und gibt zwei Ratschläge, wie man Gutes tun kann und dabei gleichzeitig selbst profitieren kann:

  1. In das Unternehmensumfeld investieren, so dass dabei auch die eigene Wettbewerbsfähigkeit gestärkt wird. Dazu gehören z.B. Ausbildungsprogramme, Umweltschutz oder Einhaltung von Menschenrechte an ausländischen Standorten. Von all dem proftiert ein Unternehmen, dass schließlich auf Arbeitskräft, Ressourcen und stabile Rahmenbedingungen angewiesen sind.
  2. Kompetenz statt Geld geben. Jedes Unternehmen existiert deshalb, weil es etwas besser kann als andere. Mit seinen Produkten oder Dienstleistungen kann es Non-Profit-organisationen helfen, effektiver zu arbeiten und damit viel mehr erreichen als mit schnödem Mammon.

Diese Leitsätze machen Sinn – und das nicht nur für Firmen. Wer persönlich einfach Geld nach Afrika überweist, beruhigt zwar sein Gewissen, aber die Wirkung ist begrenzt, entfernt und bringt auch emotional wenig Rendite. Wer sich dagegen mit seiner Zeit und seinen Fähigkeiten für etwas Gutes einsetzt – mag es ein lokaler Verein sein oder politisches Engagement für weltweite Themen – kann Greifbares und Unverwechselbares beitragen.