Ethik


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Verpackungsschwindel

Vor kurzem gab eine sehr gute Predigt im Gottesdienst:

  • Wenn jemand wegen der Kirche nichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben möchte, führt er meist eines der folgenden beiden Argumente ins Feld — die durchaus gewichtig sind.
  • Macht: Kirchen neige, dazu Loyalität gegenüber einer Organisation zu fordern und Menschen durch Dogmen zu manipulieren
  • Verpackungsschwindel: Beziehung steht drauf ist aber nicht drin. Die Botschaft der Christen ist, dass Gott die Beziehung zu Menschen sucht und die Beziehungen zwischen Menschen wiederherstellt. Diese Botschaft wirkt aber nur glaubwürdig, wenn in der Kirche auch Beziehungen gelebt werden.
  • Gott liebt nicht nur, sondern ist Liebe (Dreieinigkeit). Es ist ihm ein Anliegen mit uns in Beziehung zu treten, indem er uns mit ihm versöhnt (2. Kor. 5,20)
  • Ein Kennzeichen von Liebe ist, dass man einander dient und ehrt. Wir haben den Auftrag alle Menschen zu lieben (Joh. 15)
  • Liebe bringt in anderen ungeahnte Seiten hervor.
  • Liebe war der Wachstumsmotor der christlichen Bewegung in den ersten Jahrhunderten A.D.

Karl Barth

Mit Einführung in die evangelische Theologie habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit Karl Barth gemacht. Auch wenn ich nicht alles verstanden habe (auf manchen Seiten fühle ich mich wie bei den Biochemieartikeln in „Spektrum der Wissenschaft“) im folgenden eine Kostenprobe aus dem ersten Kapitel für Interessierte.

Ein Theologe ist jemand der „Gott“ wahrnimmt, versucht ihn zu verstehen und zur Sprache zu bringen. Er ist evangelisch wenn es ihm dabei um den Gott des Evangeliums wie im Neuen Testamentes bezeugt geht. Evangelische Theologie ist

  1. bescheiden, weil sie nicht aus sich schöpft, sondern nur durch den Gegenstand Ihrer Betrachtung – Gott – Recht erhält,
  2. frei, weil sie menschliche Existenz, Glaube und Vernunft zwar voraussetzt, aber sich nicht auf sie beschränkt, sondern immer wieder mit Gott konfrontiert
  3. kritisch, weil sie Gottes Taten folgt, damit immer in Bewegung ist unddamit ständig der Krise ausgesetzt

Gott ist frei und über dem Menschen (Jesaja 57,15). In der Geschichte offenbart er sich als sowohl erhaben und niedrig. Theologie ist der Versuch des Menschen auf das „Ja“ Gottes zum Menschen zu in freier Liebe und aus Dankbarkeit über seine Gnade zu antworten.

Welt ohne Magie

 

Zuviel Arbeit hat Nebenwirkungen. Einige bemerkt man sofort: Die  Familie klagt zu Recht, wenn die gemeinsame Zeit kurz und kraftlos ist. Andere Begleiterscheinungen sind eher schleichend: Hobbys die man nicht pflegt, verschwinden oder Freunfschaften kühlen sich ab. Doch auch diese Defizite fallen irgendwann auf und man bekommt die Chance gegenzusteuern.

Doch man kann auch etwas verlieren, das in keinem Frühwarnsystem erscheint. Ich nenne es mal: „Welt ohne Magie“. Was ich damit meine? Nun, wer immerzu zielorientiert, planend und rational agieren muss und — z.B. in der Wirtschaft — seinen Erfolg nur in Zahlen, Profiten oder anderen meßbaren Größen beurteilt, verliert den Blick für das Spontane und Überraschende. Er vergisst, dass die Welt voller Geheimnisse und Schönheit ist.  Dass jeder Mensch voller Überraschungen steckt und eine einzigartige Geschichte zu erzählen hat. Der Vielarbeiter stumpft gegenüber den Wundern der Natur ab, die nicht mit Instrumenten messbar sind.

Für diesen Zugang braucht es „Instrumente“ anderer Art: die Entscheidung zu lieben, den Mut zu glauben, die Offenheit für Kunst. Wer auf all diesen Augen blind ist wird letzlich denken, dass nur das, was er sieht, existiert und dabei vergessen, dass wir immer nur auf Schleier blicken, hinter dem sich eine tiefere und realere Wirklichkeit verbirgt. Diese Welt ist verzaubert. Das kann man vergessen, ohne es jemals zu merken.

Kommt Qualität vom Quälen?

 

„Qualität kommt von Quälen“, gab der Chef von Roland Berger meiner Morgenzeitung zu Protokoll. Fast im selben Atemzug sagt er, dass man Karriere nicht wollen oder planen könne, sondern dass das Ergebnis von Begeisterung sei. Qual und Begeisterung also: Das klingt paradox und klingt auf den ersten Blick nach den üblichen „sowohl als auch“ Überforderungen die sich Unternehmensberater als „Abenteuer“ oder „Herausforderung“ verpackt zumuten. 

Doch auf den zweiten Blick fühle ich mich ertappt. Gerade bei spannenden oder wichtigen Vorhaben, privat oder beruflich, liegen auch bei mir Begeisterung und Qual oft nah zusammen. Bin ich von etwas begeistert erlaube ich mir hohe Erwartungen und investiere viel Zeit und Energie — Nährboden für Erfolg aber auch potentielle  Enttäuschungen.

Schon vor einigen Jahren stieß ich auf ein Modell, das mir seitdem hilft, diesen Effekt besser zu verstehen. Das so genannte Yerkes-Dodson-Gesetz, 1908 in Harvard beschrieben, misst die Leistung eines Menschen in Abhängigkeit des Maßes an Herausforderung (im Fachjargon: „Level psychologischer Aktivierung“). Seine Aussage ist ebenso einfach wie intuitiv einleuchtend. Herausforderungen motivieren zunächst positiv und steigert als Eustress unsere Leistungsfähigkeit. Ab einenem bestimmten Punkt, der von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, kippt der Effekt und steigende Herausforderungen wirken sich als Distress negativ auf unsere Leistungsfähigkeit aus. 


Das erklärt warum arbeitslose und Topmanager die selben Stress-Symptome haben: Unlust, mangelende Begeisterungsfähigkeit, Gereiztheit. Es verrät auch, dass es sich nicht lohnt, es sich im Leben immer nur möglichst gemütlich zu machen, sondern erst das richtige Maß an Herausforderung zufrieden macht. Es zeigt weiter, dass ich meine Leistung nicht einfach durch Mehrarbeit steigern kann, sondern rechtzeitig gegensteuern muss und delegiere, verschiebe oder Erwartungen dämpfe.

Für mich die nützlichste Erkenntnis ist aber die folgende: der Punkt größter Leistung und Zufriedenheit ist nicht in einem Extrem zu finden (das wäre einfach), sondern gleicht sowohl einer Suche wie auch einem Balance-Akt. Wie ein Pendel schwinge ich um den Scheitelpunkt in der Suche nach dem für mich richtigen Maß an Anspannung. Diese Tätigkeit ist mühevoll, aber lohnt sich. Wer hier bereit ist Geduld, Disziplin und Selbstehrlichkeit zu investieren wird zwar auch nie ans Ziel ankommen, aber sich zumindest in seiner Nähe aufhalten.

Kommt also Qualität von Quälen? Nein, aber wer nie die Qual erlebt, hat auch die in ihm schlummernde Fähigkeit zur Begeisterung noch nicht ausgeschöpft.

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