Mit mehr Frauen in den Führungsgremien von Banken hätte man die Finanzkrise also verhindern können?
Horx: Wahrscheinlich. Die Finanzkrise ist letztlich das Resultat riskanter Männer-Strategien. Sie ist auch eine Testosteron-Krise. Man hat die Pegel dieses männlichen Hormons bei den Finanzanalysten und Brokern in New York und London während des Booms gemessen und festgestellt, dass die extrem hoch waren. Das Wort „Bullenmarkt“ für steigende Börsen ist also gar nicht so weit hergeholt.
Und was genau machen die Frauen anders?
Horx: Frauen neigen dazu, Wohlstand anders zu definieren als Männer – im Sinn von Lebensqualität und Lebensbalance, Optimierung im Sinne von Gewinnmaximierung ist dagegen eine eher männliche Domäne. Männer haben auch oft, nicht immer, ein fetischistisches Verhältnis zum Geld.
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Horx: Das zentrale Problem ist, dass wir mit unserer Wirtschaftsweise die Produktivität nicht mehr erhöhen. Produktivität ist aber der Schlüssel des gesellschaftlichen Wohlstands, wenn sie nicht steigt, sind Verteilungskonflikte unausweichlich. Viel mehr Export geht nicht und mehr Konsum ist für viele Branchen auch keine Lösung mehr. Durch mehr Konsum werden wir eher dicker, unglücklicher und hässlicher, um das mal drastisch zu formulieren.
Also was ist zu tun?
Horx: Wir wissen aus der Glücksforschung, dass sich das Wohlbefinden der Menschen ab einem bestimmten Einkommen nicht mehr erhöht und deshalb müssen wir Wohlstand neu definieren, unsere Investitionen entsprechend umschichten und dabei mehr auf neue Bedürfnisse der Menschen eingehen, zum Beispiel auf Gesundheitsvorsorge, alternative Energien, ein allgemeines Anheben des Bildungsniveaus, mehr Innovation in der Wirtschaft Wir nennen das die kreative Ökonomie.
Und welche Rolle sollen die Frauen dabei spielen?
Horx: Sie können das ganze Kultur- und Wirtschaftssystem in eine bessere Balance bringen, indem sie die weiblichen Aspekte – Balance, Ausgleich, Verantwortung mehr betonen und verankern.
Würden Frauen denn Wachstum anders definieren als Männer?
Horx: Auch das. Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit und/oder Familie ist für Frauen wichtiger, dafür sind sie bereit, mehr zu investieren. Glück, Zeit und Aufmerksamkeit sind in unserer Gesellschaft zu knappen Gütern geworden, nicht Autos und Mobiltelefone.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 5.10.2009 (Link)




